Sujet zur Eröffnung 1999

LAPIDARIUM WEIGELSDORF

Das Lapidarium Weigelsdorf ist eine bedeutende Sammlung historischer Steindenkmäler, die sich an der südlichen Kirchenhofmauer der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Weigelsdorf befindet. Es wurde von der Dorferneuerung Weigelsdorf gemeinsam mit Ing. Herber Hacker, der sich um die Heimatforschung in Weigelsdorf verdient gemacht hat, eingerichtet und 1999 feierlich eröffnet.

Die Ausstellung umfasst eine Vielzahl von steinernen Artefakten aus unterschiedlichen Epochen, darunter römische Grabplatten, mittelalterliche Reliefs und neuzeitliche Bildwerke. Besonders hervorzuheben ist ein frühmittelalterliches Relief aus dem 9. Jahrhundert, das Sonne, Mond, ein drachenähnliches Tier, einen Vogel, ein Pferd und einen schreitenden Mönch zeigt. Dieses einzigartige Kunstwerk gilt als das älteste frühmittelalterliche Bildwerk Niederösterreichs.

Planskizze Lapidarium, 1997

1.
KELTISCH - RÖMISCHER GRABSTEIN

Grabstein einer romanisierten keltischen Frau. Die Inschrift am Sockel besagt:
„Vodercila, Tochter des Toto ist hier begraben (im Alter von) 19 Jahren. Cortilus und Ato, die Brüder und Sava für seine Gattin haben (das Grabmal) gesetzt“
(Übersetzung Dr. Rudolf Maurer, Rollettmuseum Baden. Der Grabstein dürfte aus dem 1. Jahrhundert nach Christi Geburt stammen)

Es scheint, dass die am Grabstein abgebildete Verstorbene eine Schlange an ihre Brust drückt, welche in der keltischen Mythologie, Sinnbild der Unsterblichkeit (Häutung) war.
Der Kopf der Steinfigur fehlt. Er wurde entweder zur Zeit der Christianisierung abgeschlagen oder von Sammlern entwendet.

2.
FRAGMENT EINES SCHMUCKSTEINS

Wahrscheinlich von einem römischen Grab aus dem 2. Jahrhundert nach Chr. stammend. Die Weinrebe könnte auf den Dionysos-Kult hindeuten. (Dionysos lat. Bacchus war der griechische Gott des Weines und der Fruchtbarkeit)
Auch für das Christentum ist die Weinrebe von Bedeutung, im Johannesevangelium heißt es: Joh. 15.5 - Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt reiche Frucht, denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Die Weinrebe gilt auch als Symbol für das christliche Abendmahl.

3.
FAMILIENWAPPEN VON ERNST THEOPHIL SCHARRER

Familienwappen E.T. Scharrer






4. & 5.
ZWEI FRÜHMITTELALTERLICHE CHRISTLICHE STEINFRAGEMENTE (8./9. Jahrhundert)

Die beiden Teile (Spoilen) dürften von einem Vorgängerbau der derzeitigen Kirche stammen. Wahrscheinlich gehörten sie zu einem Torbogenrelief oder einer Chorschranke. Das sie zusammengehörten zeigt Schnur und Geflecht, welche früher durchgehend das ganze Bildwerk verband. Interessant der Bildmittelpunkt, welcher bei der Schnur durch Drehungsänderung von rechts nach links markiert ist. Dies lässt den Schluss zu, dass noch ein weiterer Teil des Bilds vorhanden war.
Das linke Fragment zeigt (wahrscheinlich) einen christlichen Missionar. Über dessen Kopf ein kelchartiges Gebilde in dem die Kontur eines Lamms sichtbar ist. Auf dem Stein kaum erkenntlich, zeigt es sich bei entsprechendem Licht auf Fotos.
Neben dem Missionar ist ein tanzendes Wesen in Tier- oder Vogelkleidung zu sehen. Im oberen Teil des linken Steins, das Schwanzende des Vogels vom rechten Bildstein.

Dieses einzigartige Kunstwerk gilt als das älteste frühmittelalterliche Bildwerk Niederösterreichs. (9. - 11. Jhdt.)

Das rechte Fragment, in der Literatur bereits vielfach beschrieben, zeigt Drache, Pferd oder Esel und einen Vogel. Wahrscheinlich eine Großtrappe welche in früheren Zeiten in Pannonien heimisch war. Das mediterrane Sonnensymbol in Form einer Rosette, sowie schwer deutbare Kugel unter der Pranke des Ungeheuers vervollständigen das rechte Steinfragment. Auch auf diesem ist die Schnur und das Geflecht sichtbar.

6.
GRABPLATTE AUS DEM JAHRE 1684

Diese Grabplatte bedeckte bis 1990 das Grab des Weigelsdorfer Pfarrers Franz Ganser im Inneren der Kirche.

Die italienische Inschrift lautet wie folgt:
"Me virtutis amor Patriam vitare coegit,
vola igitur fundens, ut sit mihi Patria coelum. Reverendus Dominus Franciscus Ganser, SS. Theologiae doctor et parochus in Weigelsdorf.
obiit 24. Martii 1684"

Die Sinngemäße Übersetzung stammt von Dr. Rudolf Maurer (Rollettmuseum):
"Mich zwang die Liebe zur Tugend die Heimat zu verlassen, darum habe ich gebetet, dass mir der Himmel Heimat sein möge.
Der hochwürdige Herr Franciscus Ganser, Doktor der Heiligen Theologie und Pfarrer in Weigelsdorf starb am 24 März 1684."

Pfarrer Franz Ganser floh beim Anmarsch der Türken zur zweiten Belagerung Wiens 1683 mit einem Teil der Dorfbevölkerung. Beim Rückzug der von den christlichen Heeren geschlagenen Türken zerstörten diese Weigelsdorf und verschleppten bzw. töteten die noch verbliebenen Dorfbewohner. Das Dorf war bis Anfang 1684 verödet. Dann erst kehrten die Geflohenen unter der Führung von Pfarrer Ganser in den Ort zurück. Der Anblick der türkischen Gräueltaten und Zerstörungen waren für den Seelenhirten zu viel. Nach kurzem Krankenlager verstarb er am 24. März 1684.
Es scheint, dass die am Grabstein abgebildete Verstorbene eine Schlange an ihre Brust drückt, welche in der keltischen Mythologie, Sinnbild der Unsterblichkeit (Häutung) war.
Der Kopf der Steinfigur fehlt. Er wurde entweder zur Zeit der Christianisierung abgeschlagen oder von Sammlern entwendet.

7.
SÄULENFRAGMENT DER EHEMALIGEN MARIENSAULEN-UMRAHMUNG

Hierbei handel es sich vermutlich um ein Säulenfragment der ehemaligen Mariensäulen-Umrahmung.

Ersichtlich auf der Skizze der ehemaligen Mariensäule:

Skizze ehemalige Mariensäule, Weigelsdorf

 

8. & 9.
ALTE FUSSBODEN-BELAGSPLATTEN AUS DER WEIGELSDORFER KIRCHE ODER DEM PFARRHOF (etwa 14.-17. Jahrhundert)

Handgeschlagene Steine aus Kelheim (8) und Bodenziegel aus rotem Ton (9).



10.
SÄULENREST DER EHEMALIGEN MARIENSÄULE

Das Säulenstück soll von der 1676 errichteten Mariensäule stammen.
Der Stifter Ernst Theophil Gottlieb Schar(r)er Edler von Fries(s)enegg, war Dorfpfarrer und später Probst des Augustinerchorherrenklosters Suben.

1683 wurde die Mariensäule von den Türken zerstört und nach der Vertreibung der Selben von Probst Schar(r)er um 1685 wieder errichtet. Diese noch erhaltene Mariensäule steht auf dem Platz vor der Volksschule. Eine idente Mariensäule gibt es auch in Suben. (Oberösterreich früher Bayern)

11.
ALTE FUSSBODENPLATTE AUS DER WEIGELSDORFER KIRCHE







12.
GRENZSTEIN DES WIENER BÜRGERSPITALS

Um 1340 (1320) bewilligte Papst Johann XXII „auf ewige Zeiten“ die Inkorporierung der Weigelsdorfer Pfarrkirche von allen Gütern und Zehentrechten in das Wiener Bürgerspital.
Die Pfarre hatte damals 29 Joch Ackerland und Zehentrechte in Weigelsdorf, Wampersdorf und Pottendorf.
Das Bürgerspital erwarb im Laufe seines Bestehens zahlreiche Handels- und Gewerberechte. Die zahlreichen keramischen Bodenfunde aus dieser Zeit in Weigelsdorf lassen auf einen damaligen Umschlagplatz für den Handel von und nach Ungarn schließen.

1708 wurde Weigelsdorf gegen die Taz- und Zapfenmaß Abgaben (eine Art Getränkesteuer) des Wiener Spittelberg getauscht.
Der Grenzstein zeigt das kleine Wappen (Reichsapfel mit Kreuz) des heute nicht mehr bestehenden Wiener Bürgerspitals.

SEHENS- UND WISSENSWERTES: PFARRKIRCHE ST. PETER UND PAUL

Im Mittelalter vermutlich wehrhaft. Ursprünglich Petrus Patrozinium. Nach neuesten Erkenntnissen im 11. Jahrhundert auf Grund einer Schenkung des deutschen Kaisers Heinrich II errichtet. Der Bau steht auf den Fundamenten eine Vorgängerkirche aus der Karolingerzeit. Im 13. und 17. Jahrhundert erweitert. Im Laufe der Zeit mehrmals zerstört. Ab 1340 im Besitz des Wiener Bürgerspitals.

An der Ostseite des Turmes im unteren Bereich, römische Relief- und Quadersteine. Ebenso an der Nordseite der Kirchenmauer römische Quadersteine in Zweitverwendung. Beim derzeitigen Kircheneingang die Kopie eines Reliefsteins aus dem 8./9. Jahrhundert.

Der Baukern der Kirche zeigt ein romanisches Langhaus innen rechts zwei Vermauerte romanische Fenster, im Chor Kreuzrippen. Darüber ein 33 Meter hoher mittelalterlicher Turm, zur Hälfte romanisch, dann gotisch mit klassizistischem Helm. (An der nicht sichtbaren, überbauten südlichen Außenseite des Kirchenschiffs Rundbogen- und ein zahnschnitt-verziertes Rundfenster, sowie Teile eines Frieses mit fischgrätmuster und Zirkelschnitt-Rosette.)
Im Kircheninneren befindet sich vor der Seiteneingang eine Seitenkapelle, welche im 13. Jahrhundert möglicherweise aus Resten der Anlagen und in den Kirchenbau integriert wurde. Die darin befindliche halbkreisförmige Apsis besitzt ein spätromanisches Kreuzrippengewölbe mit einem Schlussstein und romanischen Faltkonsolen.

 

Ansicht Weigelsdorf 1824

"KARNER"

Unter der Apsis der überbauten Kapelle, befindet sich eine gewölbte Krypta welche später als “Karner” verwendet wurde und ist die Ruhestätte von vielen getöteten deutschen, österreichischen, ungarischen und mongolischen Kriegern aus dem 11./13./16. Jahrhundert.

 

GRABSTEINFRAGMENTE & GESTEINSMATERIAL AUS DER RÖMERZEIT

An der Ostseite des Kirchturmes sind nicht nur Teile von römischen Grabstelen vermauert, sondern es dürfte auch im Turmfundament bereits bearbeitetes Gesteinsmaterial römischen Ursprungs verarbeitet worden sein.
Auf einem Fragment zeigt sich verkehrt die Inschrift (P)ROBVS (FE)CIT.
Ein anderes eingemauertes Steinfragment zeigt zwei laufende Füsse. Auch an der Nordseite der Kirchenmauer ist Baustein aus der Römerzeit verarbeitet.

 

Nachstehendes Bild zeigt eine kleine Auswahl keramischer Bodenfunde aus verschiedenen Zeitaltern. Gefunden bei Grabungsarbeiten in Weigelsdorf.

 

Textnachweis sämtlicher Texte des Lapidariums: Ing. Herbert Hacker

WEITERE INFORMATIONEN

Interessierten empfehlen wir für weitere Details und Informationen die Chronik zur Orts- und Pfarrgeschichte von Weigelsdorf an der Fischa - Autor: Ing. Herbert Hacker / Herausgeber: Dorferneuerung Weigelsdorf.

Erhältlich bei der Dorferneuerung Weigelsdorf.

PARTNER:
Heimatmuseum Ebreichsdorf
4Ebreichsdorf

Verein für Dorferneuerung und zur Förderung von Kultur, Geselligkeit, Ortsgestaltung und Fremdenverkehr

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